Die Übersicht
Zytglogge-Turm
Die Brunnen
Einsteinhaus
Älteste Apotheke
Kramgasshäuser
Zunfthäuser
 

Der Zytglogge – das Tor zur Kramgasse

Vor 600 Jahren erklangen die ersten Stundenschläge

Als am 14. Mai 1405 weite Teile der Stadt Bern durch den Brand zerstört wurden, herrschte zuerst grosse Trauer und Resignation. In seiner Chronik schildert der Chronist Conrad Justinger das Ausmass der Katastrophe: Also verbrann die alt kebie, do die zitglogge inne hanget, darinne verbrunnen siben pfaffendirnen. ... Also verbrunnen bi sechshundert hüsern, gros und klein, und gros guot darinne und me denne hundert mönschen.

 

Der Wiederaufbau nach dem Brand

Schon nach kurzer Zeit hatten die Menschen das Unglück überwunden und mit dem Wiederaufbau begonnen. Die umliegenden Stätte leisteten grosse Hilfe. Justinger erwähnt speziell die lieben getrüwen mitburger, die von friburg..., die mit zwölf Wagen, Knechten und Pferden ein grosses Werk vollbrachten. Es scheint ein wahrer Wiederaufbau-Boom geherrscht zu haben. Dabei wurde auch die erwähnte alt kebie wieder aufgebaut, vielleicht auch mit Hilfe der Freiburger.

 

Sie sollte aber nicht mehr als Gefängnis dienen, sondern vielmehr die neue Zeit verkünden. Mitten in der Stadt, an prominentester Stelle, wurde ein Stadtturm errichtet, der einzig zur Verkündung der modernen Stunden diente. Mit der Verbreitung der mechanischen Räderuhren setzte sich die moderne Stundenzählung mehr und mehr durch und verdrängte damit die alten Temporalstunden.

 

Die Zytglogge

Die Glocke, die seither im neuen Turm die Stunden verkündet, wurde noch im gleichen Jahr durch Johann Reber aus Aarau gegossen. Sie war es, die dem Turm den heutigen Namen gab: Zytglogge.
Ihre Inschrift lautet:
+ anno d[omi]ni mccccv mense octobris fusa sum a ma[gi]stro ioh[ann]e d[i]c[t]o reber de arow sum vas et cer[a] et cunctis [...] gero diei horas.
(Im Jahre 1405 im Monat Oktober wurde ich von Meister Johannes genannt Reber aus Aarau gegossen. Ich bin Gefäss und Wachs (?) ...und allen verkünde ich die Stunden des Tages).

 

Ein Monumentalwerk

Zur Zeitmessung gehörte natürlich auch ein Uhrwerk. Gleichzeitig mit der Glocke, wurde also auch eine Uhr mit einem Stundenschlagwerk eingebaut. Über den Erbauer und über die Ausmasse der Uhr ist leider nichts bekannt. Hingegen wissen wir, dass das noch heute vorhandene Astrolabium bereits damals den Turm zierte. Wie bei andern Kunstuhren diente es vorwiegend als Repräsentationsobjekt. Es gehörte zum Ansehen einer Stadt, technische Spitzenleistungen öffentlich zur Schau zu stellen und damit Bewunderung auszulösen. Nebst vielen astronomischen Indikationen konnte man beiläufig auch noch die Zeit ablesen. Dies war aber schwierig und überhaupt nicht das Ziel. Wichtig war die akustische Zeitangabe durch die Glocke.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts häuften sich die Reparaturen am bereits über 100 jährigen Uhrwerk. Es wurde immer offensichtlicher, dass das Werk ausgedient hatte.

 

1527 erhielt der damalige Waffenschlosser und Zeitglockenrichter, Kaspar Brunner, den Auftrag, ein neues Uhrwerk zu bauen. Es stand von Anfang an fest, dass die Uhr grösser, schöner und kunstvoller sein musste als die alte von 1405. 1530 präsentierte Brunner den Bernern eine Monumentaluhr mit kunstreichem Figurenspiel und einem Räderwerk von gewaltigem Ausmass, wie es bis jetzt noch nicht gebaut wurde. Von Brunner sind keine weiteren Uhrwerke bekannt, dieses scheint sein einziges zu sein. Die Ausmasse, die Robustheit und die kunstvolle Bauweise (Räder mit einzeln eingesetzten Zähnen, massive Wellen, die Gewehrläufen ähneln) zeugen vom Meister, der sich im Bau von Waffen und Geschützen auskannte, aber auch in der Lage war, eine aussergewöhnliche Uhr zu realisieren.

 

Das Figurenspiel

Jede volle Stunde läuft das beliebte und vor allem von Touristen viel beachtete Figurenspiel ab:

  • Ca. 3 Minuten vor dem Stundenschlag kräht der Hahn und eröffnet das Spiel.
  • Kurz darauf kreist der Bärenreigen, er symbolisiert die Stadtwache, die pflichtbewusst ihre Runden dreht. Dazu schlägt der Narr die Stunde an seine zwei Glöcklein.
  • Nun kräht der Hahn zum zweiten Mal.
  • Sobald die volle Stunde erreicht ist, schlägt die Viertelstundenglocke vier Viertel, mitten im Spielerker auf seinem Thron dreht Chronos, der Gott der Zeit, die Sanduhr; dann hebt er das Zepter in seiner linken Hand und gibt den Auftakt zum Stundenschlag.
  • Nun schwingt Hans von Thann, der goldene Glockenschläger, seinen Hammer und führt die erforderliche Anzahl Schläge aus. Chronos hört aufmerksam zu und zählt die Schläge, indem er seinen Mund öffnet und schliesst.
  • Der Löwe, Symbol des Stadtgründers, Herzog Berchtold V. von Zähringen, quittiert jeden Schlag mit einer leichten Kopfdrehung. Zum Schluss schlägt der Hahn ein drittes Mal und kündet damit den Beginn einer neuen Stunde an.

 

600 Jahre Zytglogge

2005 dürfen wir stolz auf 600 Jahre Zytglogge zurückschauen. Immerhin hat die Glocke seither ca. 34 Millionen Stundenschläge verkündet. Auch wenn die Zeitmessung heute, nach 600 Jahren, ganz andere Dimensionen angenommen hat, schlägt der Zytglogge den Bernern wie eh und je die Stunden. Seine spielerische Art, die Zeit zu Verkünden hat keineswegs an Attraktivität verloren. Sie wird sowohl von Bernern wie auch von Auswärtigen immer wieder – und hoffentlich noch lange – bewundert.

 

Text von Markus Marti, Zeitglockenrichter. Er und weitere Mitarbeiter ziehen täglich die Gewichte der 5 Uhrwerke von Hand auf und richten bei Bedarf die Uhr.

 

 

 

 

 

Gesamtansicht von der Kramgasse

 

Die Jubiläumsglocke von 1405 – Blick von der Turmlaterne auf den Kornhausplatz

 

Ausschnitt mccccv (1405) aus der Inschrift am Glockenhals

 

Das Monumentaluhrwerk von Kaspar Brunner

Erbauerschild an der Monumentaluhr

 

Spielerker mit Chronos, Bärenreigen, Hahn und Löwe

 

Chronos mit Sanduhr und Zepter

 

Narr mit den beiden Stundenglöcklein